AUSTRALIEN-GESCHICHTEN
AUSTRALIEN-GESCHICHTEN

Fake News aus Down Under

 

„Denken die Deutschen an Haie, Spinnen, Schlangen oder Krokodile - denken sie an Australien! 

Es scheint, nur die wirklich verrückten Meldungen überstehen die 16.498 Kilometer lange Strecke zwischen Sydney und Frankfurt.“ – schreibt vor Jahren die FAZ.

 

An dieser Feststellung hat sich bis heute nicht viel geändert!

Fast wöchentlich lese ich Schlagzeilen wie: 'Krokodil attackiert Schwimmer in Australien – Im Norden von Australien bekommt jedes Kind beigebracht, auf keinen Fall in den nächstbesten Fluss zu springen, die Gefahr durch Krokodile ist zu hoch. Zwei Männer wollen trotzdem nicht auf eine kühle Abkühlung verzichten, einer wird dabei von einem Leistenkrokodil schwer verletzt‘ – (NTV, 7. 8. 2021).

 

Bilder von Krokodilen werden von deutschen Medien gern genommen – Foto: Malte Schüller

 

Aber mittlerweile sind die Meldungen kreativer und artenreicher:

Hotelgast in Swimmingpool von Hai überrascht – im Text erfahre ich, ‚zum Glück nur 90 Zentimeter groß.‘

Spinnen fressen Schlangen – die meisten Opfer sind gerade frisch geschlüpft.

Plage des Schreckens, Fledermäuse tyrannisieren australische Kleinstadt – diese Meldung kehrt jährlich wieder.

Känguru zerstört Frau die Brustimplantate – mit nachteiligen Folgen ihrer Brustvergrößerung.

Familie findet Koala im Weihnachtsbaum der Hund spielte verrückt!

 

Bei all diesen journalistischen Glanzleistungen verstehe ich die verzweifelte Frage von Dieter Herrmann, dem Chefredakteur der ‚Woche in Australien‘: „Wann werden die Kollegen in Deutschland merken, dass Australien mehr als Buschfeuer, Haiattacken und Überschwemmungen ist?“

 

Foto: Devenport City Council / Tasmanien

Mein Versuch einer Erklärung:

 

Die Down-Under-Vorstellung des Durchschnitts-Deutschen wurde geprägt durch die Crocodile Dundee-Filme und die TV-Show ‚Dschungelcamp‘. 

 

Wen wundert es, dass sich daran nichts ändert, wenn Süddeutsche.de schreibt: … jetzt ist der Küchenchef zu Gast in der australischen Hauptstadt Sydney!

 

SPIEGEL.de es die unglaubliche Nachricht wert ist: Seehund pennt auf Friedhofstoilette – und als Beweis einen handgeschriebenen Zettel präsentiert! 

Foto: Festival-Poster Kurri Kurri

 

 

Und Meldungen wie vom Vokuhila-Festival in Kurri Kuri  das Bild der  australischen  'Hinterwäldler' verstärken:

In Kurri Kurri im Hunter Valley findet das erste Vokuhila-Festival der Welt statt. Der deutsche Name Vokuhila steht für ‚Vorne kurz, hinten lang‘. Die Australier bezeichnen diese Frisur mit ‚Mullet‘… In der westlichen Welt ist der Schnitt weithin als grobe stilistische Entgleisung verpönt. Im australischen Hinterland hat sich die Frisur aber gehalten und die Australier feiern sie nun als Teil ihres kulturellen Erbes …

Oft erinnern mich Nachrichten aus Down Under an die Uraltanekdote vom legendären ‚Radio Eriwan‘:

                                                             „Rentner gewinnt in Wladiwostok 50 Rubel“.

Am nächsten Tag korrigiert der Sender: 1. Der Vorfall geschah in Minsk. 2. Der Rentner war eine schusselige Dame. 3. Die Frau hat das Geld nicht gewonnen, sondern verloren. „Aber es waren 50 Rubel!“, bestätigt uns die PR-Agentur.

 

Facebook, Instagram etc. haben offenbar das Erbe von ‚Radio Eriwan‘ übernommen. Welcher Redakteur überprüft den Wahrheitsgehalt dieser Meldungen? Und wie steht es um die Aufsichtspflicht der Chefredaktion?

 

Foto: Facebook/MinelabMetalDetectors

 

Goldsucher findet Vier-Kilo-Klumpen

 

… der Australier hält seinen eingestaubten Fund zunächst für Müll.‘, berichten die Süddeutsche und viele andere deutsche Medien.

Ist die der Goldfund echt?

Die Story stammt auf jeden Fall aus der Werbung des Metalldetektor-Herstellers Minelab.

 

 

 

Die Leipziger Volkszeitung schreibt: ‚Australien: Mann wird beim Autoputzen Millionär! Der Großvater aus Newcastle möchte anonym bleiben. Er habe den mehr als ein Jahr alten Schein in einer Aldi-Plastiktüte gefunden, die im Auto herumlag.‘ Als Quelle dieser Nachricht nennen die Leipziger den Daily Telegraph. Ursprünglich handelt es sich um eine der vielen ‚Winner Stories‘ von den Werbeseiten der NSW-Lotterie.

 

Auf Spiegel-online finde ich die Schlagzeile: Australierin findet Braunschlange hinter Kühlschrank! Pseudonaja textilis ist die zweitgiftigste Landschlange der Welt … Die Frau informierte sofort die Reptilienexperten.'- Nun raten Sie mal woher die Meldung stammt? Natürlich von der Facebook-Seite der Snake Catchers Adelaide!

 

Doch bevor ich mit dem Finger auf andere zeige, gebe ich zu: Ja, auch ich habe Fakenews verbreitet!

Das Bild mit dem Spiegelei auf dem VW vorm Opernhaus in Sydney war gefälscht. Damit die Proteine stocken, müssen das Eigelb auf 62 und das Eiweiß auf 80 Grad erhitzt werden – und das habe ich nur in der Bratpfanne auf dem Gaskocher geschafft. Aber die Resonanz der Presse in Deutschland war riesig, ich war jung und brauchte das Geld. Außerdem hätten Sie die Sauerei auf meinem Auto nach den Testbildern sehen sollen … 

 

In Birdsville ist es so heiß, dass ein Cop ein Ei auf der Motorhaube brät. STERN/Queensland Police Service

Doch Halt!

 

2017 entdecke ich im Stern einen Polizisten, der an seinem Dienstfahrzeug hantiert. Die Textzeile lautet:

 

In Australien ist es so heiß, dass man auf Autos Eier braten kann!

 

Ist es der Polizei in Queensland endlich gelungen, die Naturgesetze zu überlisten?

 

Um nicht alle Medien unter Generalverdacht zu stellen, habe ich den Weg einer Geschichte nachvollzogen:

Titelseite des Courier Mail

 

Dem Fotografen Evan Switzer aus dem schönen River Heads in Queensland gelingt der bemerkenswerte Schnappschuss einer trauernden Känguru-Familie.

Der Fraser Coast Chronicle (Auflage 9.550 Exemplare) veröffentlicht das Bild.

Tags drauf ziert das Foto die Titelseite des Courier-Mail in Brisbane (Auflage 172.801).

Nun geht die Story um die Welt! La Nation schreibt: Un fotógrafo sorprende a una familia de canguros en una dolorosa situación.

Die Times in England zweifeltTenderoo might really have been randy roo? 

Dank BILD erreicht die Nachricht auch die deutschen Leser:

Es ist ein Foto, das einem fast das Herz zerreißt. Wir sehen das vermeintliche Ende einer Känguru-Kleinfamilie in Australien: Die Känguru-Mama ist tot, Känguru-Papa und Känguru-Kind stehen trauernd neben ihr …“

Der Daily Wire in den USA beendet die weltweite Diskussion: „Show’s over, children. Can we please get back to covering real news?“.

 

Dass nicht alle kuriosen Down Under-Nachrichten Fake News sind, möchte ich mit dem letzten Beispiel belegen: Meldungen über UFO-Sichtungen in Australien sind rar geworden. Während meiner Zeit bei der Woche in Australien (1972-75) erreichten uns regelmäßig Anfragen deutscher Presseagenturen: „Ein glaubwürdiger Zeuge hat ein UFO gesehen.“ Beigefügt waren krakelige Schriften mit Landekoordinaten und Details. Ein Blick auf den Absender genügte mir: Häufig verbargen sich hinter den Adressen Mental Homes – diese Briefe landeten sofort im Papierkorb. Ich war Jungredakteur: ‚Vermutlich habe ich von den Kollegen nur die dubiosen Zuschriften erhalten.‘

 

Jahre später wurde ich im Australien-Urlaub selbst Zeuge merkwürdiger Erscheinungen. Am Firmament tanzten nachts drei Lichter. Die Flugobjekte waren deutlich zu erkennen, blieben sekundenlang stehen, bewegten sich nach rechts und links und verschwanden in der Unendlichkeit des Alls. Meine aufgeweckte Frau riet mir, keinen Alkohol mehr zu trinken. – Selbstzweifel trieben mich zu weiteren Recherchen!

 

Die Lösung fand ich in der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft: Min Min Lichter treten auf, wenn Licht aus einer natürlichen Welle gebrochen wird! Durch eine invertierte Luftspiegelung erreichen den Beobachter Lichter, die hunderte Kilometer entfernt sind … Diese Fata Morgana ist ein naturwissenschaftliches Phänomen.“

Doch um solche Informationen zu erhalten, müssen wir wohl die Fachpresse lesen!

 

Min Min-Hinweis in Boulia, Queensland – Foto: gondwananet.com

 

 

Weitere kuriose Meldungen und die exakten Quellen-Angaben zu den in der Geschichte zitierten Artikeln

finden Sie unter Chitchat-Aktuell

 

Die Geschichte wurde am 31. August 2021 auch in der 'Woche in Australien' veröffentlicht.

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