AUSTRALIEN-GESCHICHTEN
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Neues aus dem Alten Land

Vom 25. Mai für die Woche #21 / 2020

 

 

 

Verwirrung im Alten Land

 

Fast täglich rufen mich Freunde an: „Du bist doch gut informiert. Wer ist verantwortlich für die Corona-Pandemie?“

 

Die Anrufer verweisen auf Theorien über geldgierige Geschäfts-leute, die bei der COVID-19-Impfung Mikrochips in unsere Körper injizieren. Geheimgesellschaften, die den Ruin des Finanzsystems und die Abschaffung der Bürgerrechte nutzen, um eine autoritäre Weltordnung zu schaffen. Oder sorgen gar die Sendemasten der fünften Mobilfunk-Generation für die Verbreitung des Virus?

 

Meine Antwort lautet: „Ich weiß es nicht!“ Seitdem aber selbst der amerikanische Präsident ständig auf die Fakenews verweist, unternehme ich täglich einen Fakten-Check:

 

Ein unglaublicher Bericht fällt mir im Altländer Tageblatt auf:  Seit 2007 wollen Vertreter der Gemeinde den dicht bewachsenen Innenraum des Kreisverkehrs am Obstmarschenweg neu gestalten. Nach zehn (!) Jahren starteten sie einen Ideen-Wettbewerb. Ein Bürger überzeugte die Jury mit der Anregung: Ein Riesenapfel soll als Symbol für den Altländer Obstbau den Kreisel zieren. Der Ideengeber erklärte sich sogar bereit, das Kunstwerk zu bezahlen.

 

Die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr prüfte den Vorschlag, holte Angebote ein. Ende 2019 präsentierten die Beamten das Ergebnis: Kosten für Beete, Pflasterung, Einbau des Kunstwerkes 38.700 Euro – inklusive 7.700 Euro für Wässern und 7x Unkrautziehen. Nun die neueste Nachricht: Aufgrund der unsicheren Haushaltslage durch Corona wird das Projekt verschoben! Im Herbst 2020 soll ein neues Konzept vorgelegt werden ...

Mit der Bemerkung ‚Warum fragt man nicht mal die Freiwillige Feuerwehr, den Kreisel zu roden?‘, lege ich die Zeitung kopfschüttelnd zur Seite.

 

Kurzdrauf läuft im Regional-TV ein Beitrag, der mich ebenfalls irritiert. Die NDR-Reportage hat zwar nichts mit dem Alten Land zu tun, trägt aber den Titel: Cyberbunker – Verbrechen aus der Provinz: Die Bundeswehr war 2013 froh, das nicht mehr benötigte Gelände des Amtes für Wehrgeophysik im Moselstädtchen Traben Trarbach loszuwerden. Die holländische Firma CyberBunker kaufte den fünfstöckigen unterirdischen Bunker (Nutzfläche 5500 m²) plus Bürogebäuden auf dem 13 Hektar Areal zum Preis von 450.000 Euro!

 

Aufgrund im In- und Ausland erlangter Erkenntnisse warnte das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz die Bundesanstalt für Immobilien-Aufgaben (Bima):  Der Käufer könne das im Bunker geplante Rechenzentrum zur Begehung und Unterstützung von Straftaten nutzen. Die Bima entschied sich dennoch für das Höchstgebot! Im Herbst 2019 stürmten 650 Polizisten den zur Darknet-Bastion umgebauten Bunker. Der Staatsanwalt in Koblenz erhebt nun Anklage gegen acht Verdächtige wegen ‚Bilden einer kriminellen Vereinigung‘ und Beihilfe zur Verbreitung von Drogen, Falschgeld und Kinderpornografie …

 

Bevor ich die Sendung zu Ende sehen kann, unterbricht mich der Anruf eines besorgten Mitbürgers: „Hast du schon von der Verwirrmethode gehört?“ Nach einer Schnappatem-Pause fährt er fort: „Die Biobauern im Alten Land nutzen zur Schädlingsbekämpfung das Paarungsverhalten von Insekten. Die weiblichen Tiere verströmen Botenstoffe, um Männchen anzulocken. Die Bauern stellen Behälter mit künstlichen Pheromonen auf. Dadurch werden die Männer orientierungslos und die Vermehrung der Schädlinge wird verhindert. Könnte es nicht sein, dass …?“

 

Um nicht unhöflich zu reagieren, erfinde ich eine Ausrede und widme mich dem Faktencheck:

 

1. Die Lokalpresse berichtet seit Jahren über das Kreiselthema – die Meldung stimmt!

 

2. NDR und SPIEGEL haben Recherche-Teams abgestellt, um den Cyber- und Behörden-Wahn aufzudecken – die Meldung stimmt!

 

3. In einer Tageblatt-Kolumne konstruierte der Autor ein Fakenews-Beispiel: ‚Die Raupe des Apfelwicklers (Cydia pomonella) wurde angeblich von den Chinesen gentechnisch verändert, um den hiesigen Obstbauern zu schaden.‘ Meinen Anrufer hatte die Satire wohl etwas verwirrt – doch dass die Pheromon-Methode erfolgreich zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt wird, stimmt!

 

Eine Woche ohne Verwirrungen wünscht Klaus Kilian!

 

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