AUSTRALIEN-GESCHICHTEN
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Neues aus dem Alten Land  

Vom 24. März - für die Woche # 12/2020

 

 

Corona im Alten Land

 

von Klaus Kilian

 

Seit mehr als 40 Jahren lebe ich in Jork, dem Herzen des Alten Landes – 30 Kilometer vor den Toren Hamburgs. Meine Nachbarn sind sesshaft, biedere Leute. Viele von ihnen produzieren Obst, insbesondere Äpfel. Zwischen den Städten Buxtehude und Stade ist im Laufe von Jahrhunderten das größte Obstanbau-Gebiet Europas entstanden. Das Leben ist beschaulich, oft spießig, aber unheimlich liebenswert!

 

Wird der Corona-Virus nun alles verändern?

 

Es herrscht Ruhe auf den Straßen! Die meisten Altländer halten sich an den Rat, soziale Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Kaufhäuser und viele kleine Geschäfte sind geschlossen. Beim großen REWE-Markt bin ich fast der einzige Kunde – ich bekomme alle Produkte des täglichen Lebens! Nur die Regale mit dem Toiletten-Papier sind leer. Heute sind nur zwei der acht Kassen besetzt. Der eine Kassierer bittet mich schon von weitem: „Zahlen Sie doch bitte bei mir!“ – So etwas habe ich in ‚Normalzeiten‘ nie erlebt!

 

Der Winter war zu milde und nass.  Die Bauern stecken beim Beschneiden der Bäume knietief im Matsch. Die Corona-Nachrichten lassen sie anscheinend kalt. Fast stündlich sehe ich auf der Straße vor unserem Haus Trecker mit vollbeladenen Anhängern zur Vermarktung fahren. Unwillkürlich fällt mir die Weisheit ein, die mein Nachbar vor Jahren erzählte: „One Apple a day keeps the doctor away.“ – Hoffen wir, dass die alte Weisheit auch in Zeiten von Corona gilt!

 

Auf dem ALDI-Parkplatz amüsiere ich mich über eine Hamsterkäuferin, die den Kofferraum ihres Fahrzeugs mit Waren vollstopft. Die Kartons aus dem dritten Einkaufswagen passen leider nicht mehr ins Auto. – Das gönne ich der Frau! An meiner Tankstelle verschlägt es mir dann doch den Atem: Ein Ehepaar befüllt an vier Zapfsäulen circa 20 große Kanister! Ich frage mich, wo bekommt man so schnell 20 brandneue Kanister her?

 

Muss noch unbedingt ein Rezept für mein Blutdruck-Medikament beim Hausarzt abholen. Alle Patienten warten diszipliniert vor der Praxis. Ich bitte höflich vorbeigehen zu dürfen, ein älterer Mann grummelt etwas in seinen Mundschutz. Ein ähnliches Bild zeigt sich vor der Apotheke. Am Ende der Schlange schießt es mir durch den Kopf: ‚Wie häufig habe ich mich über das Gedränge in den Geschäften geärgert. Bekommen wir dank Corona nun englische Verhältnisse?

 

Das Telefon klingelt, die Wirtin aus meiner Stammkneipe ruft an: „Wir öffnen jetzt nur von 12.00 bis 16.00 Uhr.“ Skatspielen würde ich gerne mal wieder – aber wie soll ich bei einem Mindestabstand von zwei Metern reizen? Wir verschieben den nächsten Termin doch besser auf die Zeit nach Ostern! Ähnlich verfahre ich mit meinen Terminen beim Friseur und der Fußpflege. Mir wird klar: Für Kleinbetriebe wird es wirtschaftlich eng.

 

Das Telefon klingelt erneut. Ein Freund möchte wissen: „Kannst du mir das mal erklären? Schleswig Holstein duldet ab 18. März keine Gäste mehr auf den Inseln von Pellworm bis Sylt. Aber auf den Nordfriesischen Inseln von Borkum bis Wangerooge ist der Urlaub bis 25. 3. erlaubt – sorry, gerade hat der Landkreis Aurich die Frist auf den 22. 3. korrigiert.“ Meine Antwort: „Das ist halt so, wenn jedes Bundesland für sich entscheidet.“ Mein Freund stockt, dann zetert er: „Wenn alles vorbei ist, sollten wir über den Föderalismus noch mal reden!“

 

Das ‚Altländer Tageblatt‘ wird weiter pünktlich in den Briefkasten gesteckt. Mit Interesse lese ich die Schlagzeilen.

 

1.Eröffnungsstress bei FAMILA, die Kunden drängen sich dicht an dicht bei der Neueröffnung!‘ 

                                                                       Ach deswegen war es bei REWE so leer? 

2.Spargelhof fliegt 100 Erntehelfer ein. Der Bus aus Rumänien wurde an Grenze zu Ungarn gestoppt.“                                                                              ‚Na, geht doch‘, sagt der schlaue Bauer! 

3.Fehlalarm am Halepaghen-Gymnasium, niemand muss in die Corona-Quarantäne!‘ 

 

Solch gute Nachricht wünsche ich mir und allen Lesern!

 

 

Der Artikel wurde am 24. März 2020 in der 'Woche in Australien' und auf Facebook veröffentlicht: 

 

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