Meine Australien-Impressionen
Meine Australien-Impressionen

Sonstige Geschichten

In den vergangenen Jahren habe ich unendlich viele Artikel geschrieben.  

Nicht nur über Australien, aber häufig mit Australienbezug.

Hier einige Kostproben:

Galloway-Rinder auf dem Münchhof in Estebrügge

Ein Beitrag für eine Landzeitschrift:

 

Land-Idylle

 

von Klaus Kilian

 

 

 

Mein Freund Willem züchtet Galloways. Seine sechzig robusten, schottischen Rinder grasen vor   den Toren Hamburgs im Landschaftsschutzgebiet.   ‚Zucht im Einklang mit der Natur, gesundes Futter, ganzjährig frische Luft und null Chemie‘ sind die Philosophie des Biobauern. „Bereits die alten Römer rühmten das Fleisch!“, wirbt er für sein Produkt.

Irgendwann habe ich vor Freunden mit meinen Rodeo-Erlebnissen geprahlt: Cowboys nennen die Australier Jackaroo. Cowgirls heißen Jillaroo. Seitdem ruft mich Willem zweimal im Jahr an: „Hat der Jackaroo Zeit? Die amtliche Blutentnahme steht wieder an.“ Da mir mein Arzt ohnehin rät: „Als übergewichtiger Bürohengst sollten Sie mehr auf Ihre Fitness achten“, antworte ich: „Ja!“

Die Aufgaben sind klar verteilt: Frühmorgens treibt Willem mit den Bordercollies Totz und Böte die Rinder zusammen. Um sieben stürmen die Galloways wie eine Büffelherde im Westernfilm zum Pferch am offenen Stall. Unser in Ehren ergrauter Tierflüsterer Siegmund beruhigt die schnaufende Truppe, sortiert die Kälber aus und weist den Rindern den Weg zum Vereinzelungsgatter. Dort erfasst unsere Jillaroo Ilona die Nummern der Ohrmarken im Laptop und druckt die Etiketten für die Blutproben-Röhrchen aus.

Nun übernehme ich als Jackeroo die tragende Rolle: Routiniert sperre ich nach der ersten Kuh das Gatter und sichere den Kopf des Tieres in einer Halterung. Geschickt schiebe ich eine Stange hinter die Beine, damit das Viech nicht austreten kann. Behend springe ich auf die oberste Stange des Gatters, hebe den Schwanz des Rindes, so dass der Veterinär mit seiner Spritze die Vene unter dem Stert treffen kann. „Bravo!“, lobe ich mich nach jeder Kuh.

Willem entwurmt derweil das Rind durch Tropfen einer Tinktur auf den Rücken. Nach zwei Minuten ist die Aktion vorbei. Das Tier genießt wieder die Freiheit. Der Vorgang wiederholt sich sechzig Mal. Mittags stinken wir und sind durchgeschwitzt. Aber die Bratwurst und der warme Kakao gehören zum abschließenden Ritual. „Hat gut geklappt!“, lobt Willem und teilt seine Wurst mit Böte und Totz.

Soweit die Routine! Doch ab und zu bietet unsere norddeutsche ‚Rodeo-Show‘ Überraschungen:

Durch das Landschaftsschutzgebiet verläuft ein Wanderweg. Ab acht Uhr beobachten uns vom Zaun aus erste Schaulustige. Um neun hat sich die Zahl der Gaffer auf hundert erhöht; Kameras verewigen die Szenerie. Plötzlich wiegelt ein Mann die Menge auf: „Tierschinder!“ Willem besänftigt den Störenfried: „Der Veterinär achtet auf artgerechte Behandlung.“ Der Schreier fuchtelt mit den Armen: „Ich meine nicht Sie, sondern den Dicken auf dem Gatter!“ Betroffen lasse ich den Kuhschwanz sinken und drohe dem Möchtegern-Tierschützer: „Nenn‘ mich noch einmal Dicker, und ich …“ Zurückzuckend spritzt der Tierarzt das Blut aus der Kanüle in mein Gesicht. Ein Aufschrei geht durch die Menge. Zwei Frauen beschimpfen den Schreier: „Der Mann macht doch nur seinen Job und jetzt hat er sich verletzt.“ Durch gutes Zureden gelingt es Willem, das Rind  und die Menschen zu beruhigen.

                                                     * * *

Frust entsteht nach einem Einsatz im Winter, als Willem anruft: „Die neue Praktikantin hat das Blut tiefgekühlt. Alle Proben sind versaut! Morgen früh wiederholen wir die Aktion.“ Tags drauf treffe ich ein süßes, aber verstörtes Mädchen, das schüchtern verspricht: „Ich mache meinen Fehler wieder gut.“  Willem ordnet an: „Die Göre steigt auf das Gatter!“ Mit ihren (neu von der Oma gestrickten) gelben Wollhandschuhen hebt die Sechzehnjährige den Schwanz des ersten Rindes. Bereits beim zweiten Tier glitschen ihre Fingerlinge durch die Kuhscheiße. Unter Tränen besteht die Deern darauf: „Das stehe ich durch!“ „Hut ab“, gratuliere ich. Bin aber froh, dass sie meine Arbeitshandschuhe akzeptiert.

                                                      * * *

Im Frühjahr prüft der Tierarzt auch die Trächtigkeit einzelner Kühe. Das Verfahren heißt 'transrektale Palpation'. Für mich bedeutet das: Kuhschwanz weiter hoch halten! Der Veterinär stülpt einen Plastikhandschuh bis über den Arm, ertastet die Gebärmutter der Kuh und ruft: "Tragend!" oder "Nix!". Jillaroo Ilona notiert den Befund im Laptop.

Ich gebe zu, trotz Pausentee lässt ab dem 47. Rind die Konzentration nach: Siegmund grinst, als er mir den Bullen zuführt. Ich feixe: "Trächtigkeitsprüfung?" Ilona schüttelt mit Blick auf den Monitor den Kopf. Willem grient. Der gestresste Veterinär stülpt den Handschuh über den Arm, tritt hinter das Rind, sieht den Bullenhoden und brüllt mich an: "Du verdammter Scheißkerl!" Nach wilder Verfolgungsjagd durch Matsch und Kuhfladen, streicht er mir liebevoll mit dem verdreckten Plastikhandschuh durch das Haar ... Tierärzte können so nett sein!

                                                       * * *

Besuchern aus Bayern verdanken wir einen Sondereinsatz: Willem möchte die Rinder-Klauen glänzen sehen! Morgens erscheint ein hünenhafter Waldschrat mit monströsem Gerät. Der Klauenpfleger parkt den Anhänger hinter dem Einzelgatter und fährt eine Rampe senkrecht aus. Ich führe dem Riesen die erste Kuh zu. Gekonnt legt er Gurte um Körper und Beine. Eine Hydraulik quietscht und rattert, bis das Tier seitlich auf dem Hänger liegt. Die Pediküre erledigt der Experte mit Elektroflex, Messer und Raspel. Nach fünf Minuten sind Tier und Hydraulik erleichtert.                      

In der Wartezeit raunzt mir unser Tierflüsterer zu: „Der arbeitet so konzentriert, der spricht kein Wort!“ Auch nach der zehnten Kuh gibt der Freak keinen Ton von sich. Ich biete Siegmund eine Wette an und der schlägt ein: „50 Euro - wenn der Kerl redet!“ Gewichtig führe ich dem großen Schweiger das nächste Rind zu und spucke auf seine Hydraulik:  „Diesen 1000 Kilo-Bullen schaffst du nie!“ Gelassen legt der Hüne die Gurte um Körper und Beine des riesigen Tieres. Dann höre ich eine piepsige Stimme: „Du Idiot hast doch keine Ahnung!“ Sekunden später liegt der Bulle auf dem Hänger. Siegmund meint heute noch, ich hätte ihn reingelegt.

                                                      * * *

Es gibt noch vieles zu erzählen: So bewundere ich, wie es den Hunden immer wieder gelingt, die ungestümen Galloways auf dem riesigen Areal  zusammen zu treiben. – Aber auch Bordercollies werden älter. Und ich erinnere mich an den Tag, an dem Totz völlig erschöpft am Boden liegend einsehen muss, dass er für den Job nicht mehr taugt. Herzblut fließt, als der junge Böte ihm tröstend die Schnauze leckt. – Landleben kann so schön sein.

 

Falls Sie den Wahrheitsgehalt der Geschichte überprüfen möchten, besuchen Sie die Homepage des Galloway-Betriebs Münchhof in Estebrügge!

 

Auch die Lektorin ist schreibaktiv.

Artikel für eine Frauenzeitschrift

 

Borroloola Hospital

 

Von Maggie Kilian

 

 

 

 

„Deine positive Lebenseinstellung ist bewundernswert“, sagen meine Freundinnen. Weder ein fast tödlicher Unfall vor 13 Jahren, noch eine totale Unterleibsoperation vor 15 Jahren haben meine Einstellung geändert. Die Nachricht über den Lymphdrüsenkrebs meines Mannes und sein Lebensmut vor drei Jahren haben ihn und mich vielmehr bestärkt, jeden Tag zu genießen.

 

Nach der Erfahrung meines Mannes nehme ich die Krebsvorsorge noch ernster: Mammographie und regelmäßige Untersuchungen bei meiner Gynäkologin stehen fest in meinem Terminplan – zumal meine Mutter an Brustkrebs verstarb. Also, Leben genießen: Monatelang hatten mein Mann und ich die Reise zum 5. Kontinent geplant: 3.600 km im Allrad-Fahrzeug durch den australischen Busch. Unsere Vorbereitungsgespräche drehten sich natürlich auch um unseren Gesundheitszustand. Zur Sicherheit besuchte ich meinen Hausarzt, der mir 100%ige Fitness bestätigte und mir (mit ein wenig Neid in der Stimme) eine wunderschöne Reise wünschte.

 

Den 24-Stunden-Flug hatten wir schnell verkraftet. Die Fahrt durch das Northern Territory, dem „wilden“ Teil Australiens, verlief fantastisch: Kängurus am Straßenrand, Krokodile bei Flussdurchfahrten, die wunderbare Vogelwelt und Landschaft machten die Reise zum einmaligen Erlebnis. Die Macho-Sprüche der Australier nahm ich mit Humor. Im Busch nennen sie die Toiletten: MANGOES oder NOMANGOES („Männer gehen hin“ bzw. „keine Männer“ gehen hin). Gedanken machte ich mir mehr über die hygienischen Bedingungen auf diesen „Stillen Örtchen“ – insbesondere nachdem mich aus einem Toilettenbecken ein Frosch freundlich anquakte.

 

In der Nacht zum 13. Tag unserer Reise verspürte ich plötzlich ein Ziehen im Unterleib. Nichts ahnend ging ich ins Bad und stellte eine Schmierblutung, vermischt mit einer übel riechenden gelben Flüssigkeit fest: Entsetzen und Ratlosigkeit! Schließlich gab es ja in meinem Bauch nicht mehr viel, was mich ärgern konnte. Gedanken jagten mir durch den Kopf: War etwa eine Zyste geplatzt oder gar ein Tumor? Mein Mann beruhigte mich: „Leg dich erst einmal ruhig hin. Ich besorge einen Arzt.“

 

Den Gedanken an medizinische Hilfe tat ich ab. Wo sollten wir mitten im Busch, in dem ja noch nicht einmal mein Handy funktionierte, einen Doktor erreichen, geschweige denn einen Gynäkologen? Ich horchte in meinen Körper: Keine Schmerzen, keine heiße Stirn, also auch kein Fieber. Alle fünf Minuten kontrollierte ich im Bad die Blutung. Nach einer halben Stunde nur noch wässrig roter Ausfluss. Trotzdem machte ich mich allmählich mit dem Gedanken an einen Arzt vertraut.

 

Der Farmbesitzer, den mein Mann geweckt hatte, gab den Rat: „Die beste ärztliche Versorgung gibt es im 320 km entfernten Krankenhaus.“ In Gedanken legte ich mir zurecht, was ich den Ärzten in der Klinik sagen wollte. Mein Englisch ist nicht schlecht, aber das medizinische Vokabular fehlt. Jenny, eine junge Farmangestellte, war ebenfalls wach geworden und bot mir Hilfe an: Sie kannte alle Fachausdrücke. Gleichzeitig sprach sie beruhigend auf mich ein: „Die Klinik hat einen tollen Ruf. Die Schwestern dort sind sehr kompetent – die werden dir bestimmt helfen!“ Jenny hatte mir bereits geholfen: Es tat gut, meine Sorgen mit einer Frau besprechen zu können.

 

Bei Sonnenaufgang starteten wir: Die Fahrt auf unbefestigten Straßen durch Flüsse und Schluchten war abenteuerlich. Mein Mann warf mir immer wieder prüfende Blicke zu. Ich versicherte ihm: "Es geht mir gut. Falls nicht, sage ich Bescheid!“ Mir ging es tatsächlich relativ gut. Ich wurde nur zunehmend nervöser – wusste ich doch nicht, was mich erwartete. Insgeheim widerstrebte es mir, mich von jemand anderem als meiner vertrauten Ärztin untersuchen zu lassen …

 

Mittags erreichten wir Borroloola, eine Siedlung mit 1.500 Aborigines, den australischen Ureinwohnern. Schnell fanden wir das Hospital, das nach unseren Maßstäben eher einer Arztpraxis ähnelte. Im fast voll besetzten Wartezimmer machte mir höflich ein Aborigine-Mädchen Platz. Etwa eine halbe Stunde später bat mich Schwester Emma in ihr Zimmer. „Erzählen Sie mir ganz in Ruhe, was passiert ist.“, lächelte sie mich aufmunternd an. Ich berichtete - stolz, alle Fachausdrücke einbringen zu können.

 

Schwester Emma maß die Körpertemperatur (normal), Blutdruck (Bilderbuchwert) und untersuchte den Urin (leichte Blutung) und verkündete: „Ich werde jetzt unseren Verbindungsarzt in Darwin anrufen, und ihm die Situation schildern.“ Sie sah meinen verständnislosen Blick und erläuterte: „Wegen der geringen Bevölkerungsdichte lohnt sich hier keine Arztpraxis. Deshalb gibt es ja uns und Dr. Steward in Darwin.“

 

Da saß ich nun – in einer Klinik ohne Arzt. Und der Doktor, der mir helfen sollte, war über tausend Kilometer entfernt. Mein Mann munterte mich auf: „Mach dich nicht verrückt, dir wird auf jeden Fall geholfen.“ Nach fünf langen Minuten kehrte Schwester Emma von ihrem Telefonat zurück: „Das hört sich alles nach einer Infektion an, meint Dr. Steward. Meine Kollegin, Schwester Nancy, wird Sie gründlich untersuchen.“

 

Kurze Zeit später betrat eine hübsche, schlanke Dame mittleren Alters das Zimmer und stellte sich als Schwester Nancy vor. Sie machte auf mich sofort einen vertrauenerweckenden Eindruck. Bei ihrer überaus vorsichtigen und dezenten Untersuchung entdeckte sie die Stelle der Blutung: „Vermutlich eine Infektion oder eine aufgeplatzte Zyste.“ Nach telefonischer Beratung mit Dr. Steward gab sie mir ein Antibiotikum mit den Worten: „Diese Tabletten sollen laut Dr. Steward helfen. Er rät Ihnen trotzdem dringend, den nächsten Gynäkologen im 800 km entfernten Katherine zu konsultieren. Soll ich einen Termin für Sie vereinbaren?“

 

Mir fiel ein Stein vom Herzen: Danke, Schwester Emma, danke Nancy! Als wir nach der Rechnung fragen, erklären beide: „Sowohl die Untersuchung als auch die Medikamente sind kostenlos. Das regelt unser staatliches Krankensystem!“

 

Die Tabletten bekamen mir gut. Die Blutung hörte völlig auf. Eigentlich hätte ich auf Wolke sieben schweben sollen. Aber mir stand ja noch der Arztbesuch bevor. Entsprechend verkrampft fühlte ich mich, je näher wir nach Katherine kamen. Nach einer erfrischenden Dusche in einem ordentlichen Hotel (Katherine hat fast 10.000 Einwohner) ging es mir viel besser – bis wir vor der Klinik standen, einem großen, modernen Gebäude. Die junge Dame an der Anmeldung erwartete unseren Besuch. Einige Minuten später wurde ich von einem liebenswürdigen älteren Herrn hereingebeten. Wieder fühlte ich mich gut aufgehoben! Der Arzt untersuchte mich gründlich, erneut musste ich auf den Folterstuhl. „Ich bin ganz sicher, es ist kein Krebs!“, befreite mich Dr. Scattini von meinen Sorgen: „Sie haben eine Infektion, die sich aber schon im Heilungsprozess befindet.“ Ich hätte den Doktor am liebsten umarmt. „Genießen Sie den Urlaub und besuchen Sie in Deutschland Ihre Frauenärztin zur Nachuntersuchung“, riet er mir fürsorglich.

 

„In einigen Wochen habe ich sowieso einen Termin, den kann ich ja vorziehen“, informierte ich ihn. „Wieso Termin? Sind Sie krank?“, fragte er bestürzt. Ich erklärte die Möglichkeiten unserer Vorsorgeuntersuchungen. „Sie sind in einer glücklichen Lage. Toll, dass Sie die Angebote wahrnehmen“, lobte er mich. "Nach Katherine kommt einmal im Jahr ein Wagen der staatlichen Gesundheitsorganisation. Alle Frauen aus einem Umkreis von 1.200 km werden aufgefordert, zur Mammographie zu gehen. Leider nutzen nur wenige dieses Angebot.“

 

Wieder in Deutschland suchte ich sogleich meine Frauenärztin auf, die ob dieser Geschichte nur ungläubig den Kopf schüttelte. Sie konnte während ihrer Untersuchung nicht mehr den Hauch einer Infektion erkennen: Alles war gut! Gemeinsam kamen wir zu dem Schluss: Keine Frau sollte unterschätzen, wie wichtig regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind. Mir geben sie ein großes Gefühl der Sicherheit. Trotzdem kann es natürlich - wie in meinem Fall - zu unerwarteten Problemen kommen. Aber man muss sich zu helfen wissen und den Menschen vertrauen: Alle haben mir geholfen, alle waren freundlich und einfühlsam. Ich konnte diesen wunderbaren Kontinent Australien gesund verlassen und hoffe, ihn bald ebenso gesund wieder betreten zu können.

 

Klaus Kilian interviewt 1973 Peter Scholl-Latour

Gastbeitrag für ein Buch der Bürgerstiftung Selm

 

 

 

Heimat-Erinnerungen

 

Von Klaus Kilian

 

 

 

 

 

“Die Welt wird dein Zuhause sein, doch deine Heimat bleibt Selm”, flüsterte mir meine Mutter 1972 beim Abschied ins Ohr.

 

Die MS Fairstar brachte mich über die Azoren durch den Panama-Kanal nach Tahiti. Über Galapagos ging’s nach Neuseeland und weiter auf den Fünften Kontinent. Drei Jahre lebte ich in Sydney, der schönsten Stadt der Welt! Eine Story für die Zeitschrift Quick führte mich über Indonesien, Malaysia, Indien, Afghanistan, Iran, Türkei … zurück nach Deutschland. Meine Mutter nahm mich in die Arme: „Willkommen in deiner Heimat!“ 

 

In den kommenden Jahrzehnten reiste ich für den Axel Springer Verlag und privat rund um den Globus. Ob in London, Prag oder Toronto: Die Abschiedsworte meiner Mutter gingen mir nicht aus dem Sinn. Freunde fragten mich: „Woher stammt deine Reiselust?“

 

Ein Grund dafür sind sicher die spannenden Gute-Nacht-Geschichten meines Vaters, der 1928 in Amerika sein Elektronik-Wissen erweiterte. Dass New York größer sein soll als Selm, hielt ich für unvorstellbar. Als mein ältester Bruder 1952 diese Angaben bestätigte, kam ich ins Grübeln. Werners Rückkehr aus dem ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten’ erlebte ich spätnachts, auf dem obersten Treppenabsatz horchend, in unserer Wohnung in der Ludgeristraße. Sein erster Satz: „Ich lege den ‚Affen’ ab“, beflügelte meine Phantasien. Die Enttäuschung war tränenreich: Der Gorilla entpuppte sich am nächsten Morgen als ‚lausiger Rucksack’. Doch die Neugier auf exotische Länder und Kreaturen war geweckt.

 

Mein Fernweh verstärkte die Schwester meines Opas: Tante Erna hatte in jungen Jahren in Kiautschou Diplomatenkinder erzogen. Ihre chinesischen Möbel und Mitbringsel aus dieser Zeit zogen mich mystisch an. Fasziniert lauschte ich ihren in Sütterlin-Schrift verfassten Tagebuchberichten. Mit jeder Zeile steigerte sich die Sehnsucht nach einem Land, in dem die Menschen immer nur lächeln und mit Dschunken und Rikschas fahren.

 

Die ersten Schritte in die Fremde unternahm ich mit meinem zwei Jahre älteren Bruder: Als Fünfjähriger schnürte Dieter gern ein Ränzel mit Brot und Wasser. Dann nahm er mich an die Hand: „Komm, wir hauen ab!“

 

Das Kopfsteinpflaster der Ludgeristraße war für meine kleinen Füße recht holprig. Dieter lockte mich: „Vorm Gasthof Suer stehen die Droschken mit den Pferden der Bauern.“ - Das war interessant! Wir tippelten die endlose Straße in Richtung Südkirchen hinauf. Spätestens an der Kapelle flennte ich: „Lass uns bitte umkehren.“ Dieter drängte mich zum Durchhalten. Es gab Wasser und Brot. Nach einer Ewigkeit erreichten wir das letzte Haus vor dem Ortsausgang Selm. Dort war Opas Freude riesig: Es gab Cadbury-Schokolade und Milch. Mittags legte sich der alte Mann auf den Diwan. Dieter ritt voller Stolz auf seinem Wanst. Derweil erzählte Tante Erna von der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn … bis ich selig träumte. Am Ende des langen Tages holte uns unsere ältere Schwester ab.

 

Bei einem dieser Ausflüge vermittelte mir Tante Erna die chinesische Weisheit: ‚Jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt!’. Es ist also logisch, dass ich relativ schnell die Frage beantwortet haben wollte: ‚Wie sieht es eigentlich hinter dem Ortsausgangsschild ‚Selm’ aus?’ Ich tastete mich langsam vor bis zum Jakobsbrunnen. Die nächste Expedition führte gar bis Westerfelde. Als ich irgendwann einmal das Ortsschild ‚Südkirchen’ erreichte, war ich richtig stolz auf mich.

 

So sind es die Bilder, Gerüche und Klänge aus der glücklichen Kindheit, die meine Erinnerung prägen: Unser Gejohle ‚Es ist ein Ross entsprungen, aus Rethmanns Pferdestall’, wenn die Gäule den Müllkarren durch das Dorf zogen … Die platt gedrückten Nasen an den Schaufenstern mit Spielzeug bei Knümann in der Vorweihnachtszeit … Das Butterkuchen-Satt-Essen für Ministranten nach Beerdigungen in der Küche des Gasthofs Knipping … Und letztlich: Die Wettrennen auf der unbefahrenen, abschüssigen ‚Geist’!

 

Die pädagogische Notwendigkeit der schallenden Ohrfeige von meiner Mutter nach einem Kinderwagen-Rennen habe ich lange nicht begriffen: Mit meinen kleinen Schwestern Annette und Maria im Cockpit, war ich doch auf der Strecke bis zur Nordkirchener Straße unschlagbar (wenn da nicht der Traktor gewesen wäre). Die Überlegenheit des Zwillingswagen-Chassis bestätigte sich noch Jahre später bei Seifenkisten-Rennen auf gleicher Piste. Allerdings hatten wir das Ziel zum Friedhofseingang verlegt.

 

Es sind aber auch die vielen ‚Erst’-Erlebnisse, die mich an Selm erinnern: Mein erstes Eigentor beim Probetraining in der C-Jugend des BV19. Mein erster Farbfilm (Die Brücke am Kwai) im Metropol-Kino in Beifang. Der erste Zungenkuss-Versuch am Strand des Ternscher Sees. Der erste Auftritt meiner Beatband vor begeistertem Publikum in Bork. Die erste selbst bezahlte Restaurantrechnung bei Kreutzkamp in Cappenberg …

 

Mittlerweile lebe ich mit meiner Frau seit fast vierzig Jahre glücklich und zufrieden vor den Toren Hamburgs im ‚Alten Land’. Das Reisen macht uns auch mit 66 Jahren noch viel Spaß. Doch die Fahrten zu Verwandten und Bekannten in Westfalen werden leider immer seltener.

 

Als ich neulich meine Schwägerin besuchte, bin ich den ‚unendlichen Marsch zum Ortsausgang’ noch einmal gegangen: Vieles hat sich zum Positiven verändert. Bereits nach 15 Minuten hatte ich mein Ziel erreicht. Der Rückweg führte mich über ‚meine alte Rennpiste’ zum Friedhof. Und, ob Sie es glauben oder nicht: Am Grab meiner Eltern flüsterte der Wind: ‚Die Welt mag dein Zuhause sein, doch deine Heimat bleibt Selm’.

 

                                                                                                * * *